Biografie von Hannah Nydahl zum Dokumentarfilm „Ein Buddhistischer Weg zur Freiheit“

Ausführliche Biografie von Hannah Nydahl

4.1.2

Hannah Nydahl war eine dänische Buddhistin und Lehrerin, die ihr Leben der Aufgabe gewidmet hat, den Tibetischen Buddhismus zu verbreiten. Sie wurde in den Jahren nach dem Krieg in eine dänische Akademiker-Familie als Jüngste von vier Geschwis- tern geboren. „Ich weiß noch, dass ich immer alles hinterfragt habe“ sagte Hannah einmal, „Ich habe mich generell darüber gewundert, wie alles zusammenhängt. Das Christentum konnte mir da nicht wirklich Auskunft geben.“

Hannah war ein Kind der 60er-Jahre. Sie studierte Dänisch und Französisch an der Universität von Kopenhagen, wo sie den charismatischen Ole Nydahl kennen-lernte. „Sie machte sich um mich und meinen Bruder Sorgen, weil wir ziemlich wild waren – und ich meine auf eine dänische Art und Weise wild“ erinnert sich Lama Ole. Allerdings wussten beide auch sofort, dass sie eine sehr starke Verbindung hatten: Sie wollten die freie Natur des Geistes finden und erleben und da sie beide auch noch höchst idealistisch waren, befanden sie sich bald auf dem sogenannten Hippie Trail. 1968 reisten sie auf dem Landweg nach Nepal, wo sie den bekannten und sehr kraftvollen bhutanischen Lama Lopön Tsechu Rinpoche kennenlernten. Er wurde ihr erster Buddhistischer Lehrer und blieb es auch bis zu seinem Tod im Jahr 2003.

Durch Lopön Tsechu lernten sie auch jenen Mann kennen, der ihr Leben ändern sollte, seine Heiligkeit den 16. Karmapa, das Oberhaupt der Karma Kagyü Linie des Tibetischen Buddhismus, auch als der „König der Yogis“ bekannt. Danach gaben sie alle psychedelischen Interessen auf und konzentrierten sich nur noch auf den Buddhistischen Weg.

Hannah und Ole reisten zum Kloster Rumtek nach Sikkim, dem Sitz des 16. Karmapa, wo sie drei Jahre lang Belehrungen erhielten und mit Karmapa praktizierten. Nach einigen Jahren im Himalaya übertrug Karmapa ihnen die Aufgabe, Meditation und Buddhismus an Interessierte weiterzugeben. Lama Ole erinnert sich, dass Karmapa sagte: „Ich möchte, dass Ihr diese Arbeit macht. Sprecht mit euren Freunden und bringt den Buddhismus in den Westen.“

Die ersten Jahre zurück in Europa waren eine große Herausforderung. Um Geld zu verdienen, putzten Hannah und Ole nachts in Schulen. Tagsüber schrieben sie Bücher und lehrten den Buddhismus. In dieser Zeit schrieben sie ihr erstes Buch mit dem Titel: „Belehrungen über die Natur des Geistes“. Sie begannen auch durch Nord- europa zu reisen. Während Ole Buddhistische Zentren unter dem Namen der Karma Kagyü Schule gründete, begann Hannah, Buddhistische Meditationen unter der Leitung verschiedener Lamas zu übersetzen. Zum ersten Mal waren so diese authen- tischen Methoden in einer für Westler verständlichen Sprache verfügbar.

In den zwölf Jahren, von dem Zeitpunkt an dem sie Karmapa trafen bis zu seinem Tod im Jahre 1981, hielten Hannah und Ole eine sehr nahe Verbindung zu ihm. Als er nach Europa reiste fungierte Hannah als Reiseführerin und Dolmetscherin. Sie führte Tibe- tische Lamas durch Europa und später auch durch Ostasien. Dabei übersetzte sie alles und erklärte den Lamas die westliche Welt. Die Tibeter hatten schließlich für Generationen in der damals noch abgeschiedenen Himalaya-Region gelebt, ohne jegliche Verbindungen zum Westen. Hannah begann auch, für hohe Tibetische Lamas zu übersetzen, unter ihnen Shamar Rinpoche, Situ Rinpoche, Gyaltsab Rinpoche, Kalu Rinpoche, Tenga Rinpoche, Ayang Tulku und viele andere.

Hannah und Oles Arbeit beschränkte sich nicht auf Westeuropa. Karmapa trug ihnen auf, auch von Polen bis Vladivostok Zentren zu gründen. Zur Zeit des Kalten Krieges keine einfache Aufgabe. So bereisten sie die Welt und gaben Belehrungen, wo immer sich hierzu die Gelegenheit bot. Ihre Lehre war in einer einzigartigen Art durch mo- derne, westliche Erfahrungen geprägt, durch die allerdings die Essenz der Beleh- rungen nicht verloren ging. Ihnen ist es daher zu verdanken, dass die authentische Übertragung des Tibetischen Buddhismus in die verschiedensten Gesellschafts- schichten gelang.

Während der Kagyü-Krise in den frühen 1990er Jahren, der Suche nach dem neuen Karmapa, erfuhren Hannah und Ole den Einfluss des Chinesischen Kommunismus
und Tibetischer Politik auf die Lamas am eigenen Leib. „Wir fühlten uns verantwort- lich dafür, das Vertrauen in Buddhas Belehrungen und den Dharma zu erhalten“, erinnerte sich Hannah. Zu dieser Zeit begannen die beiden, sehr nah mit Shamar Rinpoche zusammenzuarbeiten und ihm in dieser herausfordernden Zeit beizustehen. Außerdem unterstützte Hannah das Karmapa International Buddhist Institute in Delhi als Übersetzerin.

Während dieser Zeit wurde sie auch Vertraute des jungen 17. Karmapa. „Sie war wirklich ein sehr besonderer Mensch“, erinnert sich Karmapa, „Sie war auf der einen Seite sehr gewissenhaft und auf der anderen Seite außer-ordentlich weise. Durch ihre Erfahrungen hatte sie die Fähigkeit, Dinge je nach Bedarf zu lösen, zu verbessern oder zu beheben, und zwar auf eine sehr befriedende Art und Weise.“

Im Jahre 2006 wurde bei Hannah Lungenkrebs diagnostiziert. Sie hatte noch drei Monate zu leben. Es war ein ungeheuerlicher Schock für alle. Hannah selbst hatte allerdings keinerlei Angst. „Sie erkannte einfach nur, dass sie nicht mehr bleiben kann“, erinnert sich Ole. Der Reiseplan wurde abgebrochen und Hannah und Ole kehrten nach Kopenhagen zurück, um ihre letzten Tage gemeinsam in dem Zentrum zu verbringen, das sie 1974 gegründet hatten. „Es war so berührend, die beiden in dieser Zeit zu sehen“, erinnert sich Eckart, ein naher Freund. „Hannah hielt Ole und wiegte seinen Kopf in ihrem Arm. Man konnte wirklich beobachten, was für eine tiefe Beziehung sich entwickelt, wenn die gemeinsame Verbindung ein überpersönliches Ziel darstellt.“

Fast genau drei Monate nach der Diagnose starb Hannah in Meditation, im Beisein ihres Ehemannes und einiger Freunde. Ihr Vermächtnis lebt in den Menschen, die sie berührte und in den Zentren, die sie und Ole in ihrer 35-jährigen gemeinsamen Arbeit gegründet hatten. „Ich bin beiden sehr dankbar, besonders natürlich Hannah“, sagt Karmapa. „Nun gibt es mehrere tausend Praktizierende. Hannah und Ole haben diese Familien, tausende von ihnen, durch den Dharma verbunden. Sie haben diese Verbindungen geschaffen und den Knoten geknüpft. Dieser Verdienst ist wirklich außerordentlich.“

Copyright alle Bilder: © W-film / Connected Pictures

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